Enorme Potentiale zu Kostensenkung und Ertragssteigerung

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„Fünf-Fragen-an“ Moritz Jesse von der Firma Vestas

1.    Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf ihr Geschäft? Wie spüren Sie die Wirtschaftslage?

Die Corona-Pandemie hat das operative Geschäft von Vestas im zweiten Quartal 2020 deutlich spürbar gebremst. Im dritten Quartal 2020 konnten wir die Kontinuität in der Produktion, der Errichtung, im Vertrieb und im Service zu nur vergleichsweise geringen Extrakosten sicherstellen, und wir haben trotz der nachhaltigen Auswirkungen von COVID-19 sogar die höchste Auslieferung von Windenergieanlagen aller Zeiten in einem Quartal verzeichnet. Auch der Gesamtauftragseingang und damit die Nachfrage nach Windenergieanlagen aus allen Regionen ist weiterhin stark obwohl noch keine grünen COVID-19 Konjunkturpakete umgesetzt wurden. Trotz weiterhin schwachem Zubau am deutschen Markt, steigen die Installationen wieder mit den genehmigten Projekten. Doch nun gilt es, dass die Regierungen in Deutschland, Europa und weltweit die Mobilität der Mitarbeiter in allen Bereichen absichern. Dafür müssen Regeln für Transit, Transport, Pendler, Geschäftsreisen, Montage sowie Service weiter harmonisiert werden. Mit Blick auf Deutschland ist nicht nur für Vestas, sondern gesamtwirtschaftlich von allerhöchster Wichtigkeit, dass die geltenden Regeln zur Eindämmung der Pandemie und Ausnahmen für die Industrie deutschlandweit einheitlich gestaltet sind und angewendet werden. Leider ist dies bis dato nicht der Fall. Eine sehr wichtige Aufgabe für den VDMA und uns als Mitglieder sehe ich darin, die Auswirkungen nicht einheitlicher Regelungen zu bündeln und an die Politik weiter zu tragen.

2.    Was fasziniert Sie an der Windenergie-Branche?

Als bisheriger Einkaufsleiter in der Region NCE, die alle Länder im Norden und Zentrum Europas von Island bis nach Russland umfasst, und neuer Head of Regional Procurement in der Region MED, die sich bei Vestas von Südeuropa über Afrika bis nach Lateinamerika erstreckt, fasziniert mich insbesondere die Internationalität der Windindustrie. Wir sind eine globale Familie mit starken Wurzeln und Tradition in Dänemark und Deutschland. Vestas hat gerade seinen 75. Geburtstag gefeiert. Unsere erste Windenergieanlage in Dänemark wurde vor über 40 Jahren, in Deutschland vor knapp 35 Jahren installiert. Wir haben inzwischen weit über 25.000 Mitarbeiter weltweit, über 2.500 davon in Deutschland. Unsere Lieferkette ist global, dennoch kennt und trifft immer noch jeder in der Branche jeden. Die Zulieferindustrie ist immer noch stark deutsch und dänisch geprägt. Das merkt man auf den Messen, die aktuell - wie die WindEnergy in Hamburg - nur virtuell stattfinden. Dennoch bleibt die Branche dynamisch fast wie zu Startup Zeiten. Ich freue mich schon auf den wieder stärker persönlichen Austausch mit unseren Mitbewerbern und Zulieferern auch im VDMA.

3.    In einer von der VDMA AG Windindustrie begleiteten Studie wurden erhebliche Kostensenkungspotenziale in der Windindustrie aufgezeigt. Wie schätzen Sie diese Potenziale ein?

Die Kostensenkungspotenziale der Windenergie sind weiterhin groß. Die von der VDMA Arbeitsgemeinschaft Windindustrie begleitete Studie hat dies noch mal deutlich gemacht. Unser Fokus liegt auf Kosteneffizienz durch wachsende Modularität und Flexibilität bei Komponenten auf unserer EnVentus Plattform und auf Ertragssteigerungen mit immer effizienteren Windenergieanlagen. Gerade vor vier Wochen haben wir ein Upgrade der Leistung der V162 und der V150 von 5.6 MW auf 6.0 MW umgesetzt. Wichtiger noch als Kostensenkung und Ertragssteigerung, die wir auch in den kommenden Jahren forcieren werden, wird mit wachsenden Anteilen fluktuierender Einspeisung an der Versorgung, die Flexibilisierung und Verstetigung zur Wertsteigerung des eingespeisten Stroms aus Windenergie.

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4.    Wie versuchen Sie, diese Potenziale in Ihrem Unternehmen, Produkten und Lösungen zu heben?

Unsere Vision, führender Anbieter von nachhaltigen Systemlösungen zu werden, können wir nur durch die Kooperation mit innovativen Zulieferern und zukunftsgewandten Kunden erreichen. Nur gemeinsam können wir Systemlösungen entwickeln und einsetzen, die die Kosten der Windenergie weiter senken und den Wert im Versorgungssystem durch flexible Anlagentechnologien und Hybridprojekte steigern. Seit Jahren setzen wir dabei nicht nur auf Modularisierung und Flexibilisierung. Mit über 100 Gigawatt im Service verfügen wir auch über den größten Datenpool von Windenergieanlagen. Die Digitalisierung unserer Betriebserfahrungen nutzen wir nicht nur zum optimalen Einsatz unserer Flotte, sondern auch zur Weiterentwicklung und Senkung der Kosten unserer Anlagentechnologien.

5.    Sind Sie zuversichtlich für die Windindustrie?  Wo sehen Sie die Industrie in fünf Jahren?

Die Windindustrie entwickelt sich zu einer wirtschaftlich rentablen Branche, die auf einem fairen und flexibilisierten Strommarkt ohne finanzielle Förderung auskommt. Global ist seit der Klimakonferenz von Paris der Ruf nach erneuerbaren Energien zum Ersatz fossiler Brennstoffe im Energiemix laut. Der Ruf wird nicht verhallen. Das Wachstumspotenzial ist immens. Allein Europa braucht nach Berechnungen des Verbands WindEurope bis 2050 Windenergieanlagen mit 700 Gigawatt Leistung an Land und 450 Gigawatt auf See. Den Strom aus diesen Anlagen gilt es in das Stromversorgungssystem zu integrieren und mit den Sektoren Transport und Wärme zu koppeln. Ich sehe die Industrie insgesamt in fünf Jahren daher als Anbieter von nachhaltigen Systemlösungen, die weit über Windenergieanlagen hinaus gehen. Mit seiner globalen Reichweite, Größe und führenden Technologie ist Vestas gut positioniert, um die Industrialisierung der Lieferketten voranzutreiben und die Kostenführerschaft aufrechtzuerhalten. Da Lokalisierung in immer mehr Märkten erforderlich wird, bleiben enge Partnerschaften mit Lieferanten der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der weltweiten Wettbewerbsfähigkeit. Vestas kann aufgrund seiner Größe und Stärke mehr in neue Technologien investieren als jeder andere Akteur im Bereich der erneuerbaren Energien. Vestas sehe ich daher auch in fünf Jahren in einer Führungsposition.